Credit: Titus Bernhard

Rein in den DeLorean, beschleunigen auf 88 Meilen pro Stunde – und nach einem kurzen 80er-Jahre-Special-Effects-Feuerwerk ist‘s auch schon geschafft: Wir sind in der Vergangenheit, in den 1950ern, in einer Zeit, als unsere Eltern noch Teenies waren. Echt geil, so ein Marty McFly-Trip! Und krass. Denn technisch waren die damals ja noch wirklich im Paläozoikum. Mal sehen, wie sie wohnten. Tja, sie wohnten in Häusern. In Häusern, die verdammt vertraut wirken …

Nicht, da wir darin aufwuchsen. Vielmehr, da sich der Baustil von einst und jetzt kaum unterscheidet. Verflucht noch eins, sind denn die letzten Jahrzehnte an den Häuslbauern der Nation einfach mal so spurlos vorübergegangen?

Schnitt. Wir wachen auf. Sind zurück im guten, alten Jahr 2019. Sind wir das? Der Blick aus dem Fenster spricht nämlich ‘ne andere Sprache. Denn da sind sie wieder: Die Häuser aus der Zeit, als Elvis noch ein Geheimtipp war. Sie meinen, diese Darstellung sei übertrieben? Okay, vielleicht ein bisschen … aus dramaturgischen Gründen. Quintessentiell sind wir der Wahrheit jedoch auf den Fersen – wie uns selbst Titus Bernhard, Augsburger und einer der renommiertesten Wohnbau-Architekten der Gegenwart, bestätigt.

“in der wahrnehmung ist es tatsächlich so, dass sich einfamilienhäuser, die heutzutage gebaut werden, kaum von jenen unterscheiden, die aufs konto unserer eltern oder grosseltern gehen. formal wie ästhetisch hinken wir sowohl technischen als auch gestalterischen notwendigkeiten und möglichkeiten meilenweit hinterher.”

Lassen wir uns das für einen Moment auf der Zunge zergehen. Einerseits altbackene Vorstadthäuschen mit Satteldächern, deren Besitzer sich andererseits gern mal mit fahrbaren Untersätzen schmücken, die sich gewaschen haben. Das Auto, des Österreichers und Deutschen “heilige Kuh” … also doch mehr Fakt als Fiktion?

“Traurig, aber wahr. Ich kenne Leute, bei denen Autodesign höchste Priorität genießt, deren Eigenheime im Vergleich dazu aber grauenvoll anmuten. Doch ist das beileibe nicht der einzige Grund, weshalb der Hausbau hierzulande noch immer nicht im 21. Jahrhundert angekommen zu sein scheint.”

Credit: Titus Bernhard

Nun gut, woran hakt es denn noch? Hier nun die Problemanalyse nach Bernhard:

#01: Fehlen des ästhetischen Anspruchs

“Ästhetischer Anspruch wird in unseren Breiten nicht gelehrt. Weder in der Erziehung, noch im Zuge der kulturellen Bildung in Schulen. Ein Bereich, in dem wir uns von Skandinavien oder der Schweiz durchaus ein paar Scheiben abschneiden können. Dort erfahren Kinder bereits im Kunstunterricht etwas über Design und Funktionalität des modernen Wohnbaus, werden darauf sensibilisiert.”

#02: Ja zur Verdichtung, Nein zur Zersiedelung

“Das frei stehende Einfamilienhaus irgendwo am Land oder Ortsrand ist im Grunde ein Anachronismus. Es wird Land verbraten, die Zersiedelung geht voran und franst die Städte aus. Ein Unding … ökonomisch und ökologisch. Die Zukunft liegt eindeutig im verdichteten Geschosswohnungsbau. Allerdings in einer Qualität, die dem Standard von Einfamilienhäusern gerecht wird. Heißt: Privatsphäre, gutes Licht, ausreichend Freiflächenanteile. Eben nicht zwingend mit eigenem Grundstück, Vorgarten und ‘ner Doppelgarage, sondern alles kompakt und intelligent verdichtet.”

#03: Die Verantwortung der Politik

“Die Gesetzgeber, Dörfer und Gemeinden beauftragen mittelmäßige oder gar schlechte Architekten mit irgendwelchen Bebauungsplänen – und die kopieren die Kopie von der Kopie von der Kopie aus den 60er Jahren, wo irgend so ein Häuschen mit einer blöden Doppelgarage auf irgend so einer Parzelle steht. Und zwingen damit qualifizierte Architekten, ihre Planungen diesen dummen, banalen Bebauungsplan-Grundlagen anzupassen. Hat leider sehr oft mit Seilschaften zu tun, in denen eine Krähe der anderen seit Jahrzehnten kein Auge aushackt. Das gehört abgeschafft.”

Punkte, die allesamt einleuchten. Vor allem der Letztgenannte. Doch leider wandelt die Politik allzu häufig in den Fußstapfen von George Orwells “Animal Farm”: Alle Tiere sind gleich, nur die Schweine sind gleicher. Na ja, bis zur nächsten Wahl, nach der sich auch nix ändert, ist ja noch Zeit. Zeit, die wir nutzen sollten, dem modernen, zukunftsträchtigen Einfamilienhaus ein Stück weit näher zu kommen. Dessen Charakteristiken? Maitre Bernhard, schieß los …

“Ein gutes Haus hat geschützte Räume, gutes Licht und gute Innen-/Außenbezüge. Das sind die Standards, die Basics. Ein modernes oder gar zukunftsweisendes Haus ist dagegen energetisch gut, ohne gleich marktschreierisch nach außen zeigen zu müssen, dass es sich dabei um ein Niedrigenergie- oder Passivhaus handelt. Gefertigt in hochwertigen, zeitlosen Materialien wie Holz oder Stein, aber keinesfalls aus all dem Plastikzeug, diesem Lobby-Baustoff, der nach wie vor in fast jedes Haus reingepackt wird. Der richtige Weg: Ein Mix aus alten, traditionellen Werten und moderner Technologie. Der falsche Weg: Ein Hightech-Haus, hochkompliziert, störanfällig und nach zehn Jahren veraltet. Die Zukunft ist also auch ein Stück Back to the Roots.”

Credit: Titus Bernhard
Credit: Titus Bernhard

Back to the Roots meets Back to the Future: perfekt! Zusammengefasst in Bernhards Credo liest sich das wie folgt:

Step 1 – Prüfen der Location, Berücksichtigung von lokalen und kulturellen Einflüssen (welche Baustoffe sind vorhanden; wie ist es ums regionale Klima bestellt)

Step 2 – Eingehen auf individuelle Wünsche des Bauherren, die Mentalität der Bevölkerung und das vorhandene Budget

Step 3 – Sorgfältige Auswahl der Materialien; sparsamer Einsatz modernster Technik, zuträglich dem Komfort des Hauses und dessen energetischer Bilanz

Et voilà, das Traumhaus kann kommen! Ein Traumhaus wie jenes im deutschen Landsberg, hochgezogen auf einem Grundstück mit Steilhang, das lange Zeit als unbebaubar galt. Ein Haus, eingegraben in den Hang, als Volumen nach außen nicht mal erlebbar. Dafür ein Niedrigstenergiehaus mit hohem ästhetischem Anspruch und einem fantastischen Blick über die Altstadt. Hassen Sie es auch, wenn für manche Menschen Träume wahr werden?

Doch es muss nicht immer Steilhang sein. Bernhards Architektur-Ikonen, die Häuser 9×9 und 11×11, stehen in ganz normalen Wohngegenden herum. 9×9 in einer Augsburger Vorortgemeinde, 11×11 in Oberbayern. Und doch sorgten beide für jede Menge Aufsehen … positiv wie negativ.

Positiv aufgrund des bahnbrechenden reduzierten ästhetischen Anspruchs mit ökologischem Konzept, des jeweils quadratischen Grundrisses und der neuartigen Materialien, die bei der Verarbeitung zur Anwendung kamen. Bei 11×11 zum Beispiel eine mehrschichtige Flüssigabdichtung mit schwarzem Finish, die über die Außenwände aus Stahlbeton und Holz sowie ein Holzdach aus vorfabrizierten Elementen gecoatet wurde … wie der Fachmann so sagt.

Negativ, da sich Gemeinde und Teile der Bevölkerung vehement gegen das Projekt aussprachen, sich dagegenstemmten, als bedeute es den Untergang des Abendlandes. Ein Konflikt, der insbesondere 9×9 in seinen Grundfesten erschütterte. Bernhard erinnert sich:

“was der bauer nicht kennt, das frisst er nicht: der wahrscheinlich passendste spruch, die nicht aus der welt zu schaffenden ressentiments gegen alles neue zu erklären. trotzdem unfassbar, wie haus 9×9 anfangs polarisierte. die einen waren gnadenlos dafür, die anderen gnadenlos dagegen. zwei fronten, in der mitte nix. wahrlich ein projekt, das niemanden kaltliess.”

“Für uns der Anlass, eine Ausstellung in Berlins Aedes Galerie zu organisieren, in der wir jede Mail, jeden Beschwerdebrief, jedes Rechtsanwaltsschreiben, jeden noch so kleinen Artikel, der jemals über 9×9 geschrieben wurde, veröffentlichten. Das Ziel: Den Spiegel vorhalten, wie Meinungsbildung in diesem Land funktioniert. Klappte auch. 17.000 Besucher in sechs Wochen … ein Wahnsinn für eine Architekturausstellung! Dazu noch bis zu 10.000 Zugriffe pro Tag auf der eigens eingerichteten Website. 9×9 verbreitete sich wie ein Lauffeuer und brachte uns jede Menge neuer Aufträge ein. Aufträge von Bauherren mit dem Mut, mal anders zu denken.”

Der Architekt als Aufklärer, als Meinungsbildner: Hut ab vor dieser Überdosis Cojones. Die Reaktion der Augsburger Gemeindeväter auf den Hype um 9×9, das 2005 sogar zum meistpublizierten Wohnhaus der Welt avancierte? Verlogen. Denn zwei Jahre später bot die Gemeinde Führungen durchs Viertel an, lockte seinerzeit Baubewerber mit dem Slogan “Unsere Gemeinde ist aufgeschlossen: Hier dürfen Sie innovativ bauen”. Da sind sie wieder, die Schweinchen von der “Animal Farm”. Kaum trittst du ihnen aufs Ringelschwänzchen, ziehen sie‘s auch schon ein. Und verkaufen die Courage anderer dann später als eigene Leistung …

Credit: Titus Bernhard
Credit: Titus Bernhard

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