Red Bull | Urbex

Geht’s euch auch oft so? Da spazierst du frohen Mutes durch deine Heimatstadt, vorbei an Baukränen, Kirchtürmen, Wolkenkratzern und sonstigen steil emporragenden Monumenten menschlicher Baukunst – und plötzlich spürst du es. Du MUSST da rauf, koste es, was es wolle. Das Gefühl kennt ihr nicht? Willkommen im Club: Uns ist’s genauso fremd. Für Urban Explorers ist’s dagegen Alltag: Sie erkunden öffentlich nicht zugängliche Orte, produzieren dabei fesselnde Bilder aus schwindelerregenden Perspektiven, betrachten Grenzerfahrungen als Salz in der Lebenssuppe und riskieren dafür Kopf und Kragen. Ein Fehltritt, schon geht’s in die Gegenrichtung: runter statt rauf. Und dass die Klettertouren gesetzlich im Abseits stehen, kommt als Sahnehäubchen noch hinzu.

Red Bull | Urbex
Credit: Red Bull Urbex

Aber wozu das Ganze? Für ein cooles Selfie und haufenweise Likes von „Freunden“ auf Facebook? Behaupten zumindest jene, die Urban Explorer als aufmerksamkeitssüchtige, scheintrendige Adrenalin-Junkies verunglimpfen. Für die „Entdecker“ selbst steht allerdings eine gewisse Form von Spiritualität im Vordergrund: Betrachte die Welt aus ungewöhnlichen Blickwinkeln, um deinen Geist für Neues zu öffnen … so deren Lebensmotto. Kaufen wir ihnen ab: Rauben dir die Fotos doch wirklich den Atem! Wenn hier der Geist nicht abhebt, wurden ihm wohl schon längst die Flügel gestutzt …

Bleibt noch eins zu klären: Wer sind diese Urban Explorer? Die Antwort liefert Red Bull, jenes Brause produzierende Unternehmen, dessen Markenname weltweit willkommen zu sein scheint … außer in Leipzig. Aber egal. Auf Red Bull TV lief vor einiger Zeit „Urbex“, eine mehrteilige Doku-Reihe, die einen Blick hinter die Fassade dieses in der Tat extremen Trendsports gewährte. Und besagten Blick dabei auf Fassaden von Bauwerken wie den Wolkenkratzern von Dubai oder Moskaus berühmte Schrägseilbrücke richtete , um auch von Höhenangst Geplagten einen Hauch Explorer-Lifestyle zu vermitteln. Die Protagonisten? Natürlich die Creme de la Creme der Szene:

  • Oleg Cricket

Er zog von Sibirien nach Moskau mit dem Traum, Stuntman zu werden. Zahlreicher Follower auf Social Media-Kanälen folgen seinen wagemutigen Abenteuern.

  • Vadim & Vitaliy

Die russischen YouTube-Stars versetzen Zuschauer in Höchstspannung, wenn sie in Mumbai Rohbauten und umstehende, weit in die Wolken ragende Kräne erklimmen.

  • Abudi Alsagoff

Der aus Malaysia stammende Abudi ist professioneller Parkourer. Er bezwingt nicht nur den Bogen der berühmten Putrajaya-Hängebrücke in Kuala Lumpur, sondern macht sogar einen Handstand auf deren höchstem Punkt.

  • David DeRueda

Ein erfolgreicher Fotograf aus Frankreich, dessen Leidenschaft es ist, verlassene Weltraumzentren in Kasachstan zu erkunden.

  • Max Ross & Zach Burke

Zwei amerikanische Jungs, die am liebsten die Dächer von Toronto erkunden.

  • Bryce Wilson

Bryce ist kein Unbekannter in der Szene. Nachdem er Melbournes höchsten Wolkenkratzer „stürmte“, wurde er von der Polizei geschnappt.

  • Elaina Hammeken

Die ehemalige „America’s Next Topmodel“-Teilnehmerin zeigt, dass Urban Exploration nicht nur Jungssache ist.

Credit: Red Bull | Urbex

Ein Mädel mit dem zumindest optischen Zeug zum Topmodel, das Baukräne dem Laufsteg vorzieht? Also Cranewalk statt Catwalk … das macht neugierig. Geboren in der Schweiz, aufgewachsen in den Staaten, verschlug es Elaina letztlich ins dänische Kopenhagen, um ihr Masterstudium zu absolvieren. Eine Fügung des Schicksals: Stolperte sie doch in der Stadt der kleinen Meerjungfrau über das Instagram-Profil eines gewissen Anders G, dem heimlichen Boss der Kopenhagener Urbex-Community – und kriegte die geposteten Bilder aus der Vogelperspektive fortan nicht mehr aus ihrem zierlichen Schädel.

„Plötzlich sah ich die mir vertraute Umgebung mit anderen Augen und war fasziniert vom Gedanken an diese Subkultur mitten unter uns, in der Leute die Stadt auf eine Art und Weise erkunden, wie ich es niemals für möglich gehalten hätte. Und vor allem stellte ich mir die Frage: Wie zum Teufel sind sie da rauf gekommen?“ In kurzen Worten: Elaina war angefixt, hatte Lunte gerochen. Ungewöhnlich für ein Girlie ihrer Generation? Nee, denn schon als Kind brachte sie ihre Mama zur Verzweiflung, kletterte auf allem rum, was nicht niet- und nagelfest war und überraschte ihre Lieben schon mal mit kleinen, feinen Überraschungen in Form von verrosteten Abflussrohren (!), die sie dann zuhause stolz präsentierte. Erinnert frappant an Katzen, die tote Mäuse in den Pantoffeln ihrer Besitzer platzieren und wie selbstverständlich erwarten, dafür uneingeschränktes Lob zu kassieren.

Doch zurück zum Wesentlichen: Nach erfolgreicher Kontaktaufnahme mit Anders, der sich natürlich nicht lange bitten ließ, ein attraktives, junges Ding in die Welt der Urban Exploration einzuführen, stand Elaina schon kurze Zeit später vor ihrer ersten Herausforderung – dem Erklimmen der Golden Girls, eines Turms in Kopenhagen, auf dem goldene Figuren das Wetter ansagen. Und: Kein Schiss, keine weichen Knie, keine Angst, es könnte schiefgehen? „Nicht, nachdem wir bereits dabei waren, über Rohre und Leitern nach oben zu klettern. Das Schlimmste war, durch diese eine Tür zu gehen, um ins Innere des Gebäudes vordringen zu können. Mir schossen jede Menge Gedanken durch den Kopf: Schaffe ich das? Soll ich es tun? Wieso lasse ich mich auf etwas ein, das nicht mal erlaubt ist? Irgendwie spürte ich, dass es diese eine Tür war, die zwischen mir und einer anderen Welt stand – und dass ich weder zurück kann noch zurück will, sobald ich diese ‚Barriere’ mal hinter mir lasse. Ich sollte Recht behalten: Oben angelangt fühlte es sich an, als stünde die Zeit still, als hätte das Leben urplötzlich ‘ne neue, unvorhersehbare Wendung genommen. Tag für Tag spulen wir das gleiche Programm ab und bewegen uns auf ausgetretenen Pfaden, blind für das Majestätische und Ungewöhnliche, das uns umgibt. Soll jetzt nicht pseudophilosophisch klingen, aber als Urban Explorer kletterst du beispielsweise auf Kirchen und siehst aus nächster Nähe Figuren und Ornamente, die schon seit Jahrhunderten niemand mehr so dicht vor Augen hatte. Dazu der Blick auf die Stadt aus einer Perspektive, die eigentlich nur Vögeln vorbehalten ist. Als Mensch darfst du da oben ja nicht mal sein! Das verändert dich, deinen Geist und deine Weltanschauung. Klar spielt auch der Adrenalinkick eine gewisse Rolle … doch die spirituelle Erfahrung ist nicht zu toppen.“

Credit: Red Bull | Urbex
Credit: Red Bull | Urbex

Der bodenständige Kontrapunkt zu Elainas hochgeistigen Ergüssen in Sachen Urban Exploration? Die Reaktion ihrer Mutter nach Leaken des ersten Selfies über den Dächern von Kopenhagen. „Ich erwartete Fragen wie ‚Was zum Teufel hast du da oben verloren?’. Stattdessen kam ‚Wie siehst du denn aus? Welche Klamotten trägst du da?’ Na ja, sie kennt mich eben. Mama kann wohl nix mehr erschüttern.“ Logisch: Diese Tochter härtet ab …

Wo aber liegt der Schlüssel zum Urbex-Erfolg? Primär im Vermeiden, erwischt zu werden? „Kommt hin. Mal in die Falle der Behörden zu tappen wäre schrecklich für mich, davor hab’ ich wirklich Schiss. Deshalb versuchen wir, erfolgreich die Gratwanderung zwischen Planung und Timing zu absolvieren mit dem vorrangigen Ziel, vorm Auge des Gesetzes unsichtbar zu bleiben. Kein leichtes Unterfangen in einer Zeit der Terrorangst, in der jeder, der sich unerlaubt irgendwo aufhält, automatisch als verdächtig gilt. Bis jetzt ging’s gut, doch einmal war es richtig knapp. Als ich mit Anders meinen ersten Baukran in Angriff nahm, ging plötzlich ein Alarm los – und für einen Augenblick wussten wir beide nicht, wie uns geschah. Wir sahen uns fast schon hinter schwedischen Gardinen! Glücklicherweise hatten wir rasch wieder festen Boden unter unseren Füßen und rannten, was das Zeug hält. Ehrlich, so schnell bin ich niemals zuvor in meinem Leben gelaufen.“ Betrachte das als Training, Elaina. Immerhin kündigst du an, in Kürze erstmals in den Staaten urban zu explorieren. Und in der Disziplin „Sicherheits-Paranoia“ sind die Amis Weltspitze … von der überzogenen „Durchschlagskraft“ deren Behördenvertreter ganz zu schweigen …

Aber wie konnte es passieren, dass ein aufgeschlossenes Mädel, das Demut verspürt, wenn sie von Kirchendächern hinunterblickt und ein 08/15-Leben zwischen 9-to-5-Job, Wochenende und Urlaub als „absoluten Albtraum“ bezeichnet, in den Fängen eines platten Casting-Formats wie „America’s Next Topmodel“ endet? „Nachträglich frage ich mich das auch. Gekommen ist’s so: Ich gewann einen Instagram Model-Wettbewerb, war plötzlich in der Show – und anfangs fühlte es sich gut an. Ich bin groß gewachsen, dünn, wurde deshalb oft gehänselt, doch mit einem Mal zählte ich zu den angeblich Schönen des Landes. Das war, als bekäme man haufenweise Honig ums Maul geschmiert. Doch die Euphorie hielt nicht lange: Diese Reality-Formate sind knallhart und unbarmherzig, Menschlichkeit suchst du vergebens – und auch die Model-Branche an sich strotzt mehr an Oberflächlichkeit, als man sich in seinen kühnsten Träumen vorzustellen wagt. Ich passte da nicht rein und war deshalb heilfroh, als mich die Zuschauer frühzeitig rauskickten. Mein Fazit: Wenigstens um eine Erfahrung reicher.“

Urbex-Elaina im kleinen Schwarzen am Laufsteg, gefangen inmitten einer Phalanx von plastikgesichtigen Fashion Victims, deren Horizont für gewöhnlich an der Nasenspitze endet? Können bzw. wollen wir uns gar nicht erst vorstellen. Sie auch nicht. „Urbex ist meine Welt und hat mich verändert – vor allem mental. Wie lange ich vorhabe, das durchzuziehen? Bis 70 … warum nicht? Dann geht’s eben nicht mehr so hoch hinauf …“ Bis es soweit ist, nimmt Elaina wohl ‘ne Sonderstellung ein: Sie ist das Mädel, mit dem du dich AM, nicht IM Einkaufszentrum triffst …

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