“Jede Mahlzeit ist eine Chance, die Welt zu verändern”, sagte Vandana Shiva, Umweltaktivistin, Wissenschaftlerin und Trägerin des Alternativen Nobelpreises. Und gehorsam, wie wir Schäfchen nun mal sind, setzen wir dies auch um … nur leider nicht im Sinne des Erfinders. Zwar verändern wir schmatzend und kauend die Welt, haben uns dabei aber in der Richtung geirrt: Mit jedem Bissen wird sie schlechter.

Keine These, sondern Fakt: Jeder Zweite in der westlichen Gesellschaft ist übergewichtig, der Anteil der schwer Fettleibigen explodiert. Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes und Krebs sind an der Tagesordnung. Der Fleischkonsum hat sich in den letzten 50 Jahren verfünffacht. 65 Milliarden Tiere werden jährlich für Ernährungszwecke geschlachtet. Ein Drittel des weltweit produzierten Getreides wird an Masttiere verfüttert, während gleichzeitig 1,8 Milliarden Menschen hungern.

Wir sägen also nicht am Ast, auf dem wir sitzen, wir fressen ihn auf. Sind wir noch zu retten? Ja, meint Nina Messinger, Autorin und Filmemacherin aus dem niederösterreichischen St. Pölten, die in “Hope for All” die Alternative aufzeigt: Pflanzliche Ernährung … damit kriegen wir die Kurve. Doch sind wir bereit umzudenken, dem Killer am Teller den Garaus zu machen? Ein heikles Thema. Schließlich scheint’s, als hätten wir das ungesunde Fressen einfach zum Fressen gern.

Nina Messinger | FME Media

Was bedeutet eigentlich Völlerei? Üppiges und übermäßiges Essen und Trinken … hat also nix mit Rudi, deutscher Ex-Fußballer und holländisches Spuckopfer bei der WM 1990, zu tun. Findet sich im Übrigen sogar auf der Liste der sieben Todsünden und gilt folglich als eines jener Vergehen, durch die der Katholik die Gemeinschaft mit Gott bewusst und willentlich verlässt. Nennt man die Apokalypse vielleicht auch deshalb jüngstes Gericht? Kann man das essen? Und falls ja, wie schmeckt’s?

Fragen über Fragen, keine Antworten: das ewige Kreuz mit der Kirche. Kein Wunder: “Gott ist tot” wusste schließlich schon Nietzsche … wahrscheinlich hat sich selbst der Schöpfer ins Jenseits gefuttert. Und so wie’s aussieht folgen wir seinem Beispiel. Lehrt uns eins: Organisierte Religion führt (fast immer) ins Verderben.

Nina Messinger | FME Media

Wohin aber dann wenden, wenn der Magen drückt? An Nina Messinger. Durch und durch menschlich und doch verdächtig weise. “Hope for All” statt Sonntagsgottesdienst: So wird ein Schuh draus. Erteilt uns der Film doch eine einfache, aber wirksame Lektion: Streiche Tierprodukte vom Speiseplan, ersetze sie mit pflanzlicher Ernährung – und schon kommt die Gesundheit von Mensch und Planet wieder ins Gleichgewicht.

Natürlich nicht in der Sekunde, doch wenigstens ein Anfang ist gesetzt. Dabei war früher zwar nicht alles besser, aber wenigstens anders. Noch vor wenigen Jahrzehnten galt tagtäglicher Fleischkonsum als Zeichen der Zugehörigkeit zur monetären Elite, während heute ALLE totes Tier in sich reinstopfen … pro Sekunde 7.900 Kilogramm weltweit! Doch Moment mal: Ist nicht gegenwärtig pausenlos von “Eliten” die Rede, gegen die sich der Bürger angeblich zur Wehr setzt? Und welche “Elite” ist es, die perfekt die Manipulationsklaviatur bedient, um das Gros der Masse zum Führen eines Lebensstils zu verleiten, der nachweislich die Gesundheit schädigt?

Nina, klär uns auf. “Der Begriff Elite ist in der Tat nicht klar definiert und entsprechend unterschiedlich aufgeladen. Die vom amerikanischen Wahlkampf geprägte Debatte meint mit ‘Elite’ nicht etwa eine intellektuelle, kreative Avantgarde aus kritischen Vor- und Gegendenkern, sondern vielmehr eine über die Mehrheit herrschende Minderheit mit großer ökonomischer, politischer und medialer Macht, die unter anderem auch den Veganismus als angeblich gesundheitsschädlich bekämpft. Das hat ökonomische Gründe. Denn wie in meinem Film ausführlich dargelegt, profitieren von der tierproduktbasierten Ernährung der Industriestaaten nicht nur die mächtige Milch-, Eier und Fleischindustrie, sondern ebenso die Pharma-, Chemie-, Leder- und Wollindustrie sowie eine Fülle nachgelagerter Bereiche. Das Tierelend ist ein riesiges, ständig weiter expandierendes Geschäft, das sich diese vielfältig verflochtenen Industrien nicht verderben lassen wollen. Und bisher ist die Welt für sie auch noch in Ordnung, denn während der tägliche Konsum von Tierprodukten – vor allem von Fleisch – früher den Wohlhabenden vorbehalten war, ist er heute für die Mehrheit der Bürger in den Industriestaaten zur Gewohnheit geworden – mit steigender Tendenz.”

Somit ist’s an der Zeit, die bereits eingangs gestellte Frage nochmals zu wiederholen: Sind wir noch zu retten? Herzerkrankungen, bekanntlich die “Volkskrankheit Nummer 1”, gehen vorrangig auf falsche Ernährung zurück und könnten mit pflanzlicher Kost im großen Stil eingedämmt bzw. sogar rückgängig gemacht werden. Und trotzdem sind wir süchtig nach Fleisch, Eiern, Käse & Co., fressen uns also lieber krank, als mit “liebgewonnenen Ernährungsgewohnheiten” zu brechen. Wir haben doch wirklich einen an der Waffel!

Nina Messinger | FME Media

“Ernährung ist weniger eine rationale als eine emotionale und sinnliche Angelegenheit – und unsere Emotionen und sinnlichen Empfindungen sind stark von Tradition und Gewohnheit geprägt. Hinzu kommt die Bequemlichkeit. Tierische Produkte gibt es in jedem Supermarkt in einer Vielzahl von Varianten und auch in Form zahlreicher Fertigprodukte, während eine vegane Ernährung etwas umständlichere Einkäufe und ein Grundwissen im Kochen erfordert. Außerdem wurde bisher in der Menschheitsgeschichte strikt zwischen Tier und Mensch getrennt – so wie früher zwischen Sklaven, Leibeigenen und Herren. Und diese Trennung brachte und bringt auch immer eine Leugnung der Leidensfähigkeit der Unterdrückten sowie ein Desinteresse an deren offensichtlichem Leid mit sich. Aber das beginnt sich inzwischen erfreulicherweise zu ändern. Wohl auch deshalb, da die Qualen der Tiere auf den Menschen zurückschlagen in Form von Antibiotikaresistenzen, der Aufnahme zahlreicher Schadstoffe und Medikamentenrückstände, der Vergiftung von Wasser, Böden und Luft, massiven Gesundheitsschädigungen durch zu großen Konsum tierischer Produkte und die Erzeugung von Flüchtlingsströmen durch die mit der Massentierhaltung und dem großflächigen Anbau von Futtermitteln verbundene Umweltzerstörung. Denn, machen wir uns nichts vor: Die meisten Menschen sind Egoisten, die erst dann ihr Verhalten ändern, wenn ihnen klar wird, wie schädlich es für sie selbst und ihre Kinder eigentlich ist.”

Genau deshalb kann man es nicht oft genug betonen: Laut foodwatch, einer Verbraucherorganisation mit Sitz in Berlin, stammt mindestens jedes vierte Tierprodukt von einem kranken Tier. Bedeutet im Umkehrschluss: Wer den tierproduktbasierten Ernährungsgewohnheiten der westlichen Industrieländer folgt, isst sich krank und fett.

Und bleiben wir stur – sprich, ändern genau nix – wird’s spätestens ab 2050 mal so richtig lustig: Dann treffen nämlich 9 Milliarden Menschen auf 50 Milliarden Nutztiere. Hey, das wird eng! Zudem werden schon heute drei Viertel des Futterbedarfs für Nutztiere in Regionen Südamerikas und Afrikas produziert, was wiederum das Phänomen des “Land Grabbings” kreierte, das Millionen Menschen vor Ort ihrer Lebensgrundlage beraubt, nur um uns am Ende des Tages mit Fleisch zu versorgen.

Sind wir also mittendrin statt nur dabei, die humanitären Katastrophen der Zukunft bereits jetzt heraufzubeschwören? “Ganz genau … davon handelt auch mein Film. Die bedauernswerten Tiere in den Tierfabriken benötigen nicht nur die Fläche für ihre Haltung, sondern noch viel mehr Fläche für den Anbau von Futtermitteln in meist auch noch gentechnisch veränderten Monokulturen. Das führt einerseits zum massiven Land Grabbing gerade in armen Ländern, andererseits zu einer nachhaltigen Umweltzerstörung mit weiterem Artenschwund, Vergiftung und Verknappung des Wassers, Zerstörung der Böden und einer zusätzlichen Beschleunigung des Klimawandels. Einst fruchtbare, natürliche Landschaften mit intakten Ökosystemen wurden und werden in kürzester Zeit in unfruchtbare Wüsten verwandelt. Gleichzeitig wird die heimische Bevölkerung von ihren angestammten Böden vertrieben und von einer Versorgung mit sauberem Wasser abgeschnitten. Doch die wohlfeile Kritik an der Raffgier und Skrupellosigkeit der daran beteiligten Unternehmen springt zu kurz. Schuldig machen wir uns alle, wenn wir die Produkte dieser Konzerne kaufen. Und wir alle werden dafür bezahlen müssen. In Form eines galoppierenden Klimawandels und ständig anschwellender Flüchtlingsströme.”

Na, Mama Merkel: Würgt sich angesichts derartiger Prognosen dein “Wir schaffen das!” nicht noch nachträglich raus? Leid zu verursachen, um die Konsequenzen im Nachhinein mit “Wir schaffen das!” schönzufärben ist Bullshit. Leid zu verhindern im Versuch, das Ruder vielleicht so grade noch herumzureißen – das sollten wir schaffen.

Kann das überhaupt noch klappen? “Das vermag ich nicht zu sagen. Niemand kann das. Ökologische Systeme erweisen sich erstaunlich lange resistent, um dann mit plötzlicher Gewalt umzukippen, was selbst oft die größten Umweltpessimisten verblüfft. Aber wie es so schön heißt: Wer kämpft, kann verlieren. Aber wer nicht kämpft, hat schon längst verloren. Der Schlüssel für eine wirkliche Umkehr liegt wohl in der Erkenntnis, dass alles mit allem zusammenhängt und dass wir selbst leiden, wenn wir Teile dieser Einheit leiden lassen. Außerdem führt unsere Tierquälerei zu einer inneren Verrohung – und deshalb dürfen wir uns nicht wundern, wenn es dann zu Gewaltausbrüchen in der Gesellschaft kommt. Zudem vernichten wir dadurch sowohl Umwelt als auch Gesundheit – und damit unsere Lebensgrundlagen. Die Debatten, was zu tun sei, haben bereits begonnen. Nun müssen wir nur noch entsprechend handeln, angefangen mit unseren Tellern. Schließlich ist unser Einkaufskorb ein mächtiges Werkzeug, mit dem wir nicht nur unsere eigene Gesundheit, sondern sogar die ganze Welt entscheidend verbessern können.”

Sind wir also doch mehr als stumpfsinnige Lemminge, die blindlings über die Klippe springen und erst im Moment des Aufpralls bemerken “Mist, das war wohl nix”? “Absolut. Die Selbstzerstörung der Menschheit ist kein uns aufgedrücktes Schicksal und auch nicht unabwendbar. Jeder von uns kann mit veränderten Konsumgewohnheiten dazu beitragen, dass sie beendet wird. Und zwar heute, hier und jetzt.”

So ist sie eben, “unsere” Nina. Immer bereit, Hoffnung zu geben … “Hope for All”. Und die Hoffnung wird es auch sein, die mitkriegt, ob es gelingt, den globalen Karren doch noch erfolgreich aus dem Dreck zu ziehen. Denn bekanntermaßen stirbt sie ja zuletzt …

mehr Infos unter www.hopeforall.at

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