Da steh ich jetzt mit meinen rosa Krokoleder-Sneakern, die Samtbänder akkurat gebunden,
dort draußen am Acker, denn da habe ich meinen Bio-Bauern gefunden.
Er kniet am Boden und arbeitet behutsam mit seinen Händen, er nimmt mich nicht wahr,
dann richtet er sich auf, verharrt in gebückter Haltung – seine Erscheinung einfach unverwechselbar.
Ich gehe auf ihn zu, berühre ihn von hinten behutsam an seinem Oberarm,
er erschrickt leicht, erkennt mich und überwältigt mich mit seinem freudigen Charme.

Sepp ist gehörlos, wir finden unseren Weg uns auszudrücken,
wir sind uns nicht fremd, meine Kindheit im Dorf hilft, Hilflosigkeit zu überbrücken.
Seine Schlichtheit, seine Bescheidenheit, seine Stille nehmen mich ein,
ergreifender kann Purheit nicht sein.
Es stehen sich zwei erwachsene Menschen gegenüber und doch bin ich dort das ewige Kind,
einfach die Tochter vom Ferdl, das erkennt er geschwind.
Ich bin da, um mir seinen produzierten Apfelsaft in meinen städtischen Kühlschrank zu holen,
er setzt sich auf sein Klapprad und fährt zum Haus, ich folge ihm auf lautlosen Sohlen.

Ich bin ein Dorfkind,
und darum fühle ich auch mit rosa Schuhen die Erdung im heimatlichen Boden, den ich berühre,
es ist ein Verwurzelt-Sein im Ort, das ich durch und durch spüre.
Dorfkind zu sein ist ein Persönlichkeitsmerkmal das mich in meinem Reifen weiterbringt,
eine Bodenständigkeit, die in all meinem Denken mitschwingt.
Fast 30 Jahre lebe ich schon in der Stadt und habe mein zu Hause gefunden,
aber wenn im Dorf etwas passiert, bin ich sofort emotional mit den Menschen dort verbunden.
Woher kommt diese Tiefe, frage ich mich in diesen Tagen,
wo wir den armen Sepp ganz unerwartet zu Grabe tragen.

Ich bin ein Dorfkind,
Werte wurden glaube ich nicht bewußt an uns weitergegeben,
sie sind mit einem Selbstverständnis entstanden durch das gemeinschaftliche Leben.
Ich erinnere mich an Traditionen die uns Kindern viel bedeutet haben,
die uns Stabilität und Freude gaben.
Die Alten haben uns das Kranzbinden für Schwibbögen beigebracht,
alle Generationen haben sich bei Hochzeitsvorbereitungen eingebracht.
Jugendliche haben die Babies der Nachbarn gehütet,
Kinder haben im Dorf, ihrem grenzenlosen Spiel- und Abenteuerplatz, gewütet.

Wir fütterten den Nachbars-Esel, wir spielten mit Kaulquappen, Schafen oder Wasserratten,
eine unbändige Wildheit, Freiheit, Kreativität und Ausdauer, die wir damals hatten.
Wir haben toten Katzen opulente Gräber gestaltet, uns in Maisfeldern versteckt,
haben Iglus und Riesen-Schneemänner gebaut, kamen abends nach Hause verdreckt.
Unser Vater hat uns die Natur erklärt, jede Pflanze beim Namen genannt,
ist stundenlang mit uns über Felder und Wiesen gerannt.

Ich bin ein Dorfkind,
die erste Zigarette wurde am Hochsitz im Wald geraucht,
wir haben in „Sindbad“ unsere Zelter aufgestellt, so sind wir in unsere Jugend getaucht.
Die Installation des Buswarte-Häuschens an der Straße öffnete unsere kleine Welt,
mit fixen Treffpunkten eroberte die Jugend selbstbewusst ihr eigenes Feld.
Tiefgründige Botschaften sind noch heute verewigt in den Brettern,
unsere Namen prangen dort in unübersehbaren Lettern.
Die abgewrackten Fahrräder haben wir bald gegen Mofas getauscht,
über Feldwege sind wir irgendwann in die große Welt hinaus gerauscht.

Mit dem Herz des ewigen Dorfkindes im Gepäck,
einer ungeschliffenen Rohheit, Selbstbewusstsein und Stärke bin ich weg.
Dieses Dorf war ein Licht, in dem man wachsen konnte,
ein Sicherheitsnetz, über dem sich der eigene Freigeist sonnte.

Mit 17 habe ich Flügel bekommen und wollte hoch und höher fliegen,
nichts und niemand konnte mich aufhalten, formen oder biegen.
Mit über 40 übermannt mich nun die Kraft der Wurzeln am Ort der Kindheit,
das Gefühl, einer untrennbaren Verbindung nach all der Zeit.

Ich bin ein Dorfkind in rosa Romantik getaucht,
ein Dorfkind, das auch in der Stadt nur die Schlichtheit braucht.
Wo wir einfach sind, entstehen Werte,
das ist es, was mich mein bisheriges Leben lehrte.
Ich kann in mein Dorf zurückkehren, egal in welchen Schuhen,
ich kann mich dort jederzeit erden und zufrieden in mir ruhen.
Ich bin schon sehr früh gut gerüstet aus dem Dorf verschwunden,
und habe mich schließlich in der Stadt gefunden.

 

 

Gewidmet J.S.,
der mich unerwartet kurz vor seinem Tod sehr berührt und inspiriert hat.
R.I.P.

Von Alexandra Lobaza 

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