Credit: Thomas Stachelhaus

Die Mission: Fahre von Berlin nach Peking, der Hauptstadt von Corona … äh, China. Mehr als 13.000 Kilometer im VW Bus Typ T1, Baujahr 1967. Also alles andere als komfortabel. Ach ja, und ohne Geld für Sprit und Essen. Wer ist so verrückt, sich dieser Aufgabe zu stellen? Es kann nur einen geben: Joey Kelly. Erfolgreicher Unternehmer und Buchautor. Musiker, weil Teil der Family. Und verwegen genug (um den Begriff „positiv irre“ zu vermeiden), keiner noch so extremen Challenge aus dem Weg zu gehen …

Meine Fresse, dieser Joey! Alleine läuft er durch Deutschland. Alleine durchkreuzt er die Staaten … ohne Kohle, ohne Auto. Alleine hockt er auf einer einsamen Insel im Süden Thailands … ohne Nahrung, ohne Wasser. Und kaum geht’s nach China, macht er’s zu zweit. Allerdings getreu der Devise: Luke, ich bin dein Vater! Die Verstärkung hört nämlich ebenfalls auf den Nachnamen Kelly, hat zarte 19 Lenze am Buckel und ist als ältester Sprössling eines Papas, der schon mal acht Iron Man innerhalb schlapper zwölf Monate absolvierte, in Sachen Draufgängertum gewissermaßen familiär vorbelastet.

Credit: Thomas Stachelhaus

Klingt nach klassischem Fall von „Wie der Vater, so der Sohn“. Klingt aber auch – verzeihen Sie den Ausdruck – ziemlich geil! Wer hat denn schon die Chance, hinterm Steuer eines vorsintflutlichen, klapprigen Bullis von Deutschland bis ins Reich der Mitte zu düsen, auf einem Road Trip über zwei Kontinente? Da sammelst du Eindrücke, die dich dein Leben lang begleiten. Ja, aber welche? Wir haben nachgefragt. Bei „Altmeister“ Joey persönlich …

DER WAGEN

Warum eigentlich eine Klapperkiste mit mehr als fünf Jahrzehnten am Buckel? „Auf einer Reise ohne Geld bist du stets auf die Hilfe anderer angewiesen. Und da kann etwas Mitleid nicht schaden.“ So Joeys augenzwinkernde Begründung. Und nun die ernsthafte: „Es ist aber auch so, dass ich mit diesem Auto ein Stück Familiengeschichte verbinde. War es doch ein VW Bus Typ T1, mit dem die Kelly Family 1976 durch Deutschland, Österreich und Italien tingelte, um – damals noch als Straßenmusikanten – ein paar Kröten zu verdienen. Was mich aber im Nachhinein wundert: Wie haben wir da alle reingepasst?“

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Hard Facts

Kosten des Autos: 15.000 Euro – nach zähen Verhandlungen. Der Verkäufer wollte nämlich 24.000 …

Durchschnittsgeschwindigkeit Berlin – Peking: 63 km/h

DIE REISE-ROUTE

Deutschland – polnische Küste (Joey: „Ich fuhr mit Absicht dort rauf. Im Sommer sind die Leute an der Küste gut drauf. Und ohne Geld kann das helfen …“) – Danzig – Riga (Lettland) – Vilnius (Litauen) – Tallinn (Estland) – mit der Fähre nach Finnland – Helsinki – Russland – St. Petersburg – Moskau – Astana (Kasachstan) – Sibirien (also zurück nach Russland) – Baikalsee – Mongolei – China – Peking.

Sind nach Adam Riese über 13.000 Kilometer. Und die bewältigen unsere Kellys in grade mal 27 Tagen. Wenn das nicht Hingabe ist …


WENN EINER EINE REISE TUT, DANN KANN ER WAS ERZÄHLEN

Bulli Challenge – Die Eindrücke

  • Straßen der Verdammnis

Sie meinen, der Zustand einiger österreichischer Straßen sei gelinde gesagt ein Witz? Dann lassen Sie sich das mal auf der Zunge zergehen …

Schlimmer als schlimm: Straßen in Russland„Du hast Baustellen … überall. Doch damit nicht genug: Du hast auch Schlaglöcher … ebenfalls überall. Und die können ab und an richtig böse sein. Und der Fahrstil der Russen? Regelrecht ‘russisch‘, wie sonst? Die überholen links und rechts – und nutzen gern mal vier Spuren, obwohl nur zwei da sind. Die fahren wie die Kranken. Unfassbar!“

Der Supergau: Straßen in der Mongolei„Es gibt nur eine einzige Route in die Hauptstadt Ulan Bator – und die ist eine echte Katastrophe. Das ist keine Straße, das ist ein Schlachtfeld. Fahren geht nur im Schritttempo, willst du verhindern, dass dein Auto auseinanderfällt.“

Credit: Thomas Stachelhaus
  • Nix China ohne „Fühlelschein“

Was ist der Unterschied zwischen Viren und europäischen Autos? Viren kommen leichter über die chinesische Grenze. Autos mit deutschem Kennzeichen werden nämlich angehalten und am Weiterfahren gehindert. Warum weiß Joey: „Das Auto wird auf Herz und Nieren geprüft, die Kennzeichen werden auf chinesische getauscht – und ohne chinesischen Führerschein darfst du nicht hinters Steuer.“

Ist jetzt zwar mehr Crash- als Sechs-Wochen-Kurs, aber doch ein Prozedere, das satte 48 Stunden in Anspruch nimmt. Nach zwei Tagen darfst du dann zwar weiter, allerdings nur in Begleitung einer Eskorte „made in China“. Quasi um zu verhindern, dass du vom rechten Weg abkommst. Denn gefahren werden darf nur dort, wo laut Gesetz gefahren werden muss …

  • Mongolen lieben Kellys

„Njet!“ Die Antwort eines Russen auf die Frage, ob er denn die Kelly Family kennt. Dasselbe in China. „Obwohl wir dort früher spielten. Die haben uns alle vergessen.“ In der Mongolei dagegen sind die Kellys populär. So populär, dass auf der Pressekonferenz von Joey und Luke drei Kamerateams und jede Menge Schreiberlinge auftauchten. „Und das, obwohl ich noch nie da war!“ Tja, Joey … Sachen gibt’s …

Credit: Thomas Stachelhaus
  • Das Auto ist der Star

Ein alter VW Bus lockt hierzulande keinen Hund hinterm Ofen hervor. Anders in Russland, China und der Mongolei: Dort stehen die Leute Schlange, kommst du mit ‘nem Bulli ums Eck. „Alle wollten Fotos mit dem Bus, keiner eins mit uns. Außer in China: Dort war auch Luke gefragt. Nicht aber, weil er ein Kelly ist. Er ist groß, schlank, blond. Deshalb!“

  • Schlafen wie im Knast

In knapp vier Wochen von Berlin nach Peking: Hey, diese Kellys sind Tiere! Aber selbst ein Tier erschlafft, wird müde, muss pennen. Aber wo? „Aus Sicherheitsgründen meistens im Auto, bei Schönwetter aber auch draußen.“ Im Bulli übrigens auf einem selbstgebauten Bett aus Holzbrettern, nach dem Motto „Unbequemer geht’s nicht“. Joey, immerhin auch schon 47, überstand all das trotzdem ohne Blessuren, ohne Kreuzschmerzen, ohne Spätschäden. O-Ton: „War beinahe Luxus pur. Viel bequemer als schlafen im Wald.“ Wir wussten es: Diese Kellys sind Tiere …

  • Essen: Alles für die Katz‘

Wie kamen Joey und Luke eigentlich an Essen und Sprit? Mit Hilfsarbeiten, Geschenken (Teddybären, Klamotten, CDs) oder aber sie wurden eingeladen, sich den Bauch vollzuschlagen. Und … hat’s gemundet? „Wenn du Hunger hast, schmeckt sowieso alles. Welches Fleisch wir genau gegessen haben, weiß ich aber auch nicht. Irgendwie schmeckte alles nach Hühnchen. Könnte aber auch Katze gewesen sein …“

  • Sibirien & Co.: Hier steppt nicht mal der Bär

Du fährst tausende Kilometer durch unberührte Wildnis, bewegst dich fernab jeder Zivilisation und bist somit auf Du und Du mit Bär und Hirsch. Soweit das Klischee. Die Realität: In Sachen Tierwelt herrscht gern mal gähnende Leere. Joey erinnert sich: „Fährst du Auto in Deutschland oder Österreich siehst du oft Rehe, Hasen und manchmal sogar Wildschweine. In Sibirien und der Mongolei aber – also mitten im Nirgendwo – sahen wir nix. Gar nix. Kein Tier! Ich hatte das Gefühl, die haben alle weggeknallt. Sorry, ich muss mich korrigieren. Wir sahen doch was. Einen einzigen Fuchs. Der war aber tot. Überfahren.“

Credit: Thomas Stachelhaus
  • Best of: Momente wie im Märchen

Abseits des Mysteriums der verschwundenen Tierwelt gab’s aber auch Augenblicke purer Magie. „Die Mongolei ist wie im Bilderbuch. Echt faszinierend! Die Menschen leben in Zelten, im Einklang mit der Natur, führen ein Nomadenleben und strahlen Ruhe und Gelassenheit aus, von der wir uns durchaus mehrere Scheiben abschneiden könnten. Aber auch Russland – und hier besonders Sibirien – hat was. Ein wildes, wunderschönes und rustikales Land, leider aber durchzogen von Industrie- und alten Ostblock-Städten, für die man nur ein Wort finden kann: potthässlich. Dafür ist Polen top. Vor allem Danzig. Was für eine Traumstadt!“

Credit: Thomas Stachelhaus

Apropos Traum: Jeder ist mal vorbei. Für die Kellys war in Peking Schluss. Zurück nach Deutschland ging’s per Flugzeug. Und der Bus? Versauert der noch in China? Nein … auch der kam wohlbehalten zuhause an. Dank der Deutschen Post. So gesehen fast ein kleines Wunder …

Tja, und Kelly wäre nicht Kelly, hätte er nicht schon wieder ‘ne neue (Schnaps)Idee auf Lager: Von Alaska nach Feuerland, abermals ohne Geld für Sprit und Proviant. Im Sommer 2021 soll’s losgehen. Zu dritt: Joey, Luke und Tim, der nächste Sohn mit Draufgänger-Gen. Und schon ist der Beweis ein weiteres Mal gebracht: Diese Kellys sind Tiere. Und genau deshalb lieben wir sie. Tiere wie Kellys …

Credit: Thomas Stachelhaus
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