Kletter-Junkie“ Conrad Anker: Herzinfarkt am Dach der Welt
VON EINEM, DER AUSZOG, DAS FÜRCHTEN ZU LERNEN

 

Wenn der Berg ruft, sind wir taub. Das schnöde Gestein kann plärren so viel es will, unsere Ohren sind verschlossen. Conrad Anker tickt dagegen anders: Da ruft nicht der Berg, da ruft Conrad. Seit 1987 besteigt der heute knapp 56-Jährige alles, wo unsereins
nicht rauf will. In erlesenen Klettermaxe-Kreisen kennt man ihn zudem als jenen Bergsteiger, der hoch in der Nordwand des Mount Everest die Leiche des britischen Alpinisten George Mallory fand, der anno 1924 in den eisigen Weiten des Himalaya
ums Leben kam. Ein harter Hund, dieser Conrad, der sich von nichts und niemandem davon abbringen lässt, seiner Passion nachzugehen. Nicht mal von einem Herzinfarkt, der ihm Ende 2016 das Bezwingen des Lunag Ri, dem letzten unbestiegenen Gipfel am Dach der Welt, vermieste. Also auf jenem Dach, auf dem er 2011 ein Meisterstück ablegte, das in Bergsteigerkreisen lange als unmöglich galt: Die erstmalige Durchsteigung des Shark’s Fin,
der Haiflosse, der eigentlich als unbesiegbar geltenden Route durch die Nordwestwand des 6330 Meter hohen Mittelgipfels des Peak Meru im westlichen Himalaya. Eine der härtesten Mixed Klettereien überhaupt, die Anker im dritten Anlauf knackte. Ein irrer Typ … positiv irre …

Conrad Anker

Weshalb aber die Grimm-Anleihe im Titel? Weiterlesen … das öffnet Augen. „Beim
Höhenbergsteigen stellt Shark’s Fin eine der weltweit ultimativen Herausforderungen
dar. Das untere Drittel ist eine klassische, alpine Schnee- und Eisroute, der mittlere Teil
ein Mix aus Eis und Felsen und das letzte Stück eine extrem schwierige, überhängende
Felswand. Shark’s Fin hat in den letzten 30 Jahren viele Top-Alpinisten der Welt
angezogen, doch keiner von ihnen hat es geschafft, die Route zu vollenden.“ Keiner –
außer dem Trio Conrad Anker, Jimmy Chin und Renan Ozturk, dem es gelang, den
himalayischen Husarenritt tatsächlich durchzustehen. Ein lebensgefährlicher
Klettertrip, der dir abverlangt, hunderte Meter hohe Wände in einem Aufwasch zu
durchsteigen, da es die Beschaffenheit des Felsens nicht zulässt, Verschnaufpausen
einzulegen. Normalbürger lernen dabei gewiss das Fürchten, ganze Männer vom Schlage
Conrads lassen sich dagegen selbst von Fehlschlägen nicht abhalten, das für unmöglich
Gehaltene immer wieder aufs Neue in Angriff zu nehmen.
Sind wir jetzt Weicheier, die vor jeder daherservierten Haifischflossensuppe
zurückschrecken oder ist Conrad doch die draufgängerische Ausnahme, welche
bekanntlich die Regel bestätigt? Anker, sag an: „Ich für meinen Teil hatte keine Wahl,
fühlte mich schon im Alter von 14 Jahren mit dem Bergsteigen verbunden. Liegt aber
wohl in erster Linie an meiner Persönlichkeit. Schon seit ich denken kann bin ich
hyperaktiv, liebe Abenteuer und Herausforderungen – und eine hohe
Schmerzempfindungsschwelle ist mir auch zu eigen. Alles Ingredienzien, die ein Alpinist
braucht. Und wenn ich einen Berg sehe, der auf andere gefährlich, vielleicht sogar
einschüchternd wirkt, muss ich da rauf. Warum? Weil er da ist.“

Gipfelsturm: Viel Blut und Tränen für schlappe zwei Minuten

berg

Aha, schon wieder so ein Typ Marke Adrenalin-Junkie, der willfährig sein Leben aufs
Spiel setzt, um vermeintlich Großes zu erreichen, sich in Wahrheit jedoch genötigt sieht,
auf ewig sein Ego zu streicheln? „Nein, auf keinen Fall. Bergsteigern geht es weder um
platten Ruhm, noch sind wir von einer Todessehnsucht getrieben. Ganz im Gegenteil:
Wir zelebrieren das Leben – in vollen Zügen!“ Und genau deshalb analysiert Conrad jede
Gesteinsformation, die er im Auge hat, schon Monate vor der Expedition bis ins kleinste
Detail, achtet penibel darauf, die unleugbaren Risiken in „akzeptabel“ und „inakzeptabel“ zu trennen.
„Inakzeptabel ist, mit der falschen Ausrüstung ins Unterfangen zu starten. Das wäre grob
fahrlässig, würde im schlimmsten Fall den Tod bedeuten. Alles andere dagegen ist sehr
wohl akzeptabel … vorausgesetzt, du hast deine Hausaufgaben gemacht und ein Team
zur Hand, auf das du dich verlassen kannst. Zu 100 … ach was, zu 1000 Prozent.“ Was
aber, ist ein fauler Apfel dabei? Ein Quertreiber, der nicht am selben Strang zieht? „Dann
sagst du die Expedition kurzerhand ab.“

Kam Anker aber niemals an einen Punkt, an dem er kurz davor stand, die Segel zu streichen, das Klettern sein zu lassen? Schließlich verlor er einen seiner Kletterkumpel
1999 bei einem Lawinenunglück. Wieso er damals nicht die weiße Fahne hisste? „Weil
die Leidenschaft in mir größer war als etwaige Zweifel, selbst am Berg den Tod zu
finden. Trotz dieser Tragödie, die mir natürlich gehörig an die Nieren ging.“ Der Lohn:
Das unbeschreibliche, überwältigende Glücksgefühl am Gipfel. Getreu der Devise: Ich
habe es vollbracht – der Berg ist bezwungen. Schau mal, Mama Merkel: So geht „Wir
schaffen das“. Wie lange man sich im Schnitt das Einschießen von Glückshormonen auf
den Dächern dieser Welt so gönnt? „Hängt vom Wetter ab. Manchmal brichst du nach
zwei Minuten schon wieder auf und machst dich an den Abstieg, da zum Beispiel ein
Sturm aufzieht. Am Meru Peak verweilten wir allerdings ‘ne knappe Stunde … der
Wettergott meinte es gut mit uns.“

Kletter Junkie
Womit es dagegen weniger gut steht? Mit der Umwelt … die treten wir Menschen ja
hobbymäßig mit Füßen. Auch davon kann Conrad, der seit Jahren für Naturschutz und
Nachhaltigkeit eintritt, ein Lied singen … ein gar traurig Lied. „Das Schmelzen der
Gletscher hat weltweit in den letzten Jahrzehnten an Tempo dramatisch zugelegt, die
destruktiven Spuren des Klimawandels sind unübersehbar. Dennoch bin ich davon
überzeugt, dass sich die Veränderungen innerhalb der nächsten 50 Jahre im
überschaubaren Rahmen halten. In zwei Jahrhunderten sieht’s aber wohl anders aus. Es
liegt jetzt an uns, die Weichen für eine positive Zukunft zu stellen, künftigen
Generationen Leid zu ersparen. Und eins müssen wir uns alle hinter die Ohren
schreiben: Die Ausrede, wir hätten es nicht gewusst, zählt nicht.“ Übrigens: Laut einer
Umfrage des niederländischen Wetterportals meteovista sind acht Prozent der
Deutschen davon überzeugt, der Klimawandel sei eine Erfindung von
Verschwörungstheoretikern. Dem Mainstream zufolge der Gipfel der Dummheit … und
auf den will nicht einmal Conrad. Wie bitte? Leugnet ihr WMZ-Dumpfbacken gar die
Existenz der globalen Erwärmung? Das nicht. Doch dahinter steckt auch ein
Geschäftsmodell. Wie sagte schon Jerry Maguire? Follow the Money. Nüchternkontrovers geführte Diskussionen zum Thema sind derzeit aber leider kaum möglich.
Jeder, der sich darauf einlässt, stürzt früher oder später ab. Und das braucht niemand.
Weder Conrad, noch wir …

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