Was verbindet hunderttausende Österreicher (wenn nicht sogar mehr …) mit IKEA’s legendärem Billy-Regal? Es fehlt immer eine Schraube. Och, wie fies, wie politisch unkorrekt – sowas kann man doch nicht bringen! Doch, kann man … die nackten Zahlen machen’s möglich. Fast eine Million Österreicher im Alter von 16 bis 65 Jahren können nur unzureichend lesen und schreiben, was einen Anteil von stolzen 17,1 Prozent funktioneller Analphabeten ergibt. Schrecklich … da wird’s höchste Zeit, endlich die gesetzliche Schulpflicht einzuführen! Und genau hier liegt der Hund begraben: Die haben wir schon längst – und trotzdem entlässt unser Bildungssystem (augenscheinlich mehr auf Indoktrination denn Bildung fokussiert) nach neun Jahren Pauken Minimum eine Heerschar von Menschen in den Alltag, die jedem auf den Leim gehen, der ihnen ein X für ein U vormacht … sie kennen ja nicht den Unterschied.

Gut, dann erhöhen wir den Druck von der Basis, zwingen die Politik zur Umsetzung der ultimativen Bildungsreform! Auch hier beißt sich die Katze in den eigenen Schwanz: Als würden wir uns diesbezüglich nicht schon seit ‘ner gefühlten Ewigkeit zu Tode reformieren. Wofür? Jede Reform der Reform der Reform der Reform endet in einer Sackgasse, trotz „Bildung ist Zukunft!“-Polit-Parolen in Dauerschleife treten wir am Ende jedes Mal in die Fußstapfen von Goethes „Faust“: „Da steh ich nun, ich armer Tor, und bin so klug als wie zuvor.“

Verdammt, was läuft denn nun so unfassbar falsch im rotweißroten Schulsystem? Frag nach bei – nicht Shakespeare, sondern Raman Mehrzad, Arzt, Lerncoach und Autor von „Eins Plus – Der ultimative Guide für mehr Lernerfolg“, dem Handbuch für alle Streber und solche, die es werden wollen. Was ihn qualifiziert, guten Gewissens den Besserwisser zu geben? Weil er’s kann. Gestützt von einer Vita, die in der Tat Respekt abringt. Raman (34), geboren in Teheran, kam mit seinen Eltern als fünfjähriger Flüchtling nach Schweden, schloss sein Medizinstudium an der Universität Göteborg ab und brach in seiner Schulzeit in Sachen Notendurchschnitt sämtliche Rekorde. In Schweden! In jenem Land, das hiesige Politiker unentwegt als Vorbild in Bildungsfragen zitieren.

Ein Flüchtlingskind, mit Papa und Mama dem Golfkrieg entronnen, steckt scheinbar mühelos verwöhnte Wohlstands-Fratzen in die Tasche und avanciert allen Widrigkeiten zum Trotz zum Einser-Schüler? Wie geht das denn? Raman, wir bitten um Aufklärung …

„Gute Noten einzufahren ist keine Wissenschaft. Alles in allem basiert schulischer Erfolg auf drei Hauptkomponenten.

1) Motivation

Die Ideologie, das Recht darauf zu besitzen, 24/7 Spaß zu haben, ist ein Trugschluss. Der hedonistische Lifestyle in Ehren – aber das Leben als endlose Party zu begreifen mündet früher oder später in einer Abfolge von Enttäuschungen. Deshalb ist es wichtig, sich zu motivieren, lernen zu wollen – auch, wenn man im Moment grade keinen Bock darauf hat. Zu verstehen, dass es sich lohnt, mittel- oder langfristige Ziele zu verfolgen, um angepeilte bzw. gewünschte Erfolge auch tatsächlich erreichen zu können: Das ist der Schlüssel zum Lern-Glück.

2) Das Mindset

Die Einstellung zum Leben, zur Schule, zu deiner Zukunft und zu dir selbst ist einer der entscheidenden Faktoren zur Bestimmung deines Lebenswegs. Mit Siegermentalität lässt sich jede Hürde meistern, mit dem exakten Gegenteil davon scheiterst du an den einfachsten Dingen. Als ich mit meinen Eltern nach Schweden kam hatten wir nichts. Wir waren der Sprache nicht mächtig, lebten zwei Jahre in einem Flüchtlingslager, mussten nochmal von vorn beginnen. Sich angesichts solcher Rahmenbedingungen entmutigen zu lassen ist einfach. Glaubst du aber an dich selbst, kannst du buchstäblich Berge versetzen.

3) Lerne die Regeln des Systems

Ein Beispiel: Stellst du mich als Laie in eine Küche und erteilst mir den Auftrag, einen schmackhaften Schmorbraten zuzubereiten – ohne Rezept, ohne Instruktionen, ohne Vorwissen um die Funktionalität des Regelwerks … ich werde scheitern. Was ich damit sagen will: Alles im Leben wird einfacher, wenn du weißt, was du tust. Zu versuchen, sich innerhalb eines Systems zu behaupten, von dem du keine Ahnung hast, endet immer im Chaos. Soviel ist sicher.

Wirst du dir dieser Schlüsselkomponenten bewusst und bist willens, sie auch um- und einzusetzen, ist schulischer Erfolg vorprogrammiert. Für absolut jeden. Dafür lege ich meine Hand ins Feuer.“

Wirklich für jeden? Was ist mit den nicht so hellen Kerzen auf der Torte? Bleiben die nicht zwangsweise auf der Strecke? „Eine der gröbsten Fehleinschätzungen in Sachen Schulsystem. Hier geht’s nicht um Raketentechnik, sondern um schnödes Basiswissen auf durchschnittlichem Niveau – vor allem in der Pflichtschule. Du musst beileibe kein Einstein sein, um das verstehen zu können. Bist du ein verkapptes Genie – gratuliere, dann ist’s ohnehin ein Kinderspiel. Bist du keins, kommt’s wieder auf die eingangs erwähnten drei Punkte an. Und auf die Strategie, die du dir selbst zurechtlegst und auf den Leib schneiderst.“

Und aufs Elternhaus. Ohne Unterstützung deiner Erzeuger nimmst du ebenfalls Kurs auf den Eisberg, an dem du letztendlich zerschellst. Richtig? „Nein. Sind auch die Eltern smart und gut gebildet und bringen sich ein, indem sie deine Schulkarriere unterstützen, ist das zwar hilfreich, aber keinesfalls entscheidend. Leider wird mangelnde Unterstützung des Elternhauses gern als Ausrede missbraucht, um die eigene Undiszipliniertheit und Faulheit zu übertünchen.“

Ups, da kommen Erinnerungen hoch. Wir waren aber auch wirklich … hm, wie können wir das jetzt formulieren … suboptimal engagiert. Tja, und trotzdem ist aus uns nix geworden. Weshalb? Es war der Engpass an Kohle. Schließlich behauptet ja selbst die Politik, Bildung und Geld stünden in direktem Zusammenhang. Der Kontostand bestimmt den Bildungsgrad: Ein urbanes Märchen? „Zum Teil. Klar, Bildung kostet – die USA sind das beste Beispiel. In Harvard zu studieren verschlingt 90.000 Dollar im Jahr – und nur die Superschlauen aus ärmeren Schichten kommen in den Genuss von Stipendien. Statistisch gesehen sind Reiche somit tatsächlich im Vorteil. Dennoch kann jeder alles erreichen, falls er hart dafür arbeitet. Sieh mich an: Wie standen denn die statistischen Chancen für einen iranischen Flüchtling, in Göteborg zu promovieren, nach Amerika zu gehen und dort in Harvard und Yale zu studieren? Schlecht. Und doch ist es passiert. Wie sagte schon mein Vater? Lerne in der Schule, was das Zeug hält, schreibe gute Noten … danach steht dir die Welt offen.“

Nachsatz:

„Verwöhnten Kids reicher Eltern fällt es oft schwer, sich zu motivieren, zehn Stunden am Stück zu pauken. Nach dem Motto: Wozu? Meine Alten haben sowieso Millionen auf der Bank. DIE Chance für Ärmere, den finanziellen Nachteil mit Leistung zu kompensieren.“

Klingt alles mehr als nachvollziehbar. Dennoch schlagen Bildungsexperten Alarm: Einer von vier Schulabgängern ist nicht fähig, sinnerfassend zu lesen – vom Schreiben, das oftmals einer Vergewaltigung der deutschen Sprache gleichkommt, ganz zu schweigen. Woran liegt’s? Am Schüler? Am System? Oder läuft es doch auf die philosophische Frage raus: Wer war zuerst tot? Die Henne oder das Ei?

„Für mein Dafürhalten ist der politische Fokus in Bildungsfragen schlicht und ergreifend daneben: Es wird immer bei den falschen Hebeln angesetzt – Reform für Reform. Das Problem liegt weniger am System, sondern an den Menschen, die sich innerhalb besagten Systems bewegen. Zum besseren Verständnis: Zwei Schüler, gleicher sozialer Background, gleiche Rahmenbedingungen, relativ deckungsgleiches Elternhaus,gleiche Schule. Einer ein Musterschüler, der andere ein Versager. Wie kann das sein? Es ist eine Frage des Nutzens, des Beitrags, des Werts, den jemand bereit ist, in ein System einzubringen. Heißt also: Wie bringe ich Schüler dazu, sich persönlich weiterentwickeln und als aktiver Teil des Schulsystems wert- und sinnstiftende Beiträge leisten zu wollen und nicht bloß als zumeist passiver, lustloser Empfänger aufoktroyierten Wissens zu fungieren? Die essentielle Frage, die sich die Politik endlich einmal stellen sollte! Doch solange die politisch Verantwortlichen im eigenen Saft schmoren und nur Bildungsexperten hinzuziehen, die sich Parteiprogrammen verpflichtet fühlen, wird sich an dieser unerfreulichen Situation wenig bis nix ändern. Lerne Schülern, sich zu motivieren. Lerne sie zu inspirieren. Lerne Jugendlichen, das System zu durchschauen und zu begreifen, was es bedeutet, den eigenen Wert zu steigern. Das wäre der richtige Weg.“

Wer ist hierzulande dafür verantwortlich, die Karten neu zu mischen? Iris Eliisa Rauskala, mehrheitlich unbekannte Bundesministerin für Bildung, Wissenschaft und Forschung im vermeintlichen Expertenkabinett Bierlein, der Übergangsregierung mit Ablaufdatum. Wer war’s davor? Heinz Faßmann, eine Art menschgewordene Einbahnstraße. Und wer kommt jetzt? Wissen wir noch nicht. Was wir aber wissen: Allein der Gedanke daran lässt uns erschaudern …

Zurück zu Mehrzad. Eine unaufgeräumte Baustelle haben wir noch im Talon: Smartphones, Facebook, Twitter … kurz, die schöne, neue Technologie-Welt. Perfekt maßgeschneidert, um die Aufmerksamkeitsspanne des gemeinen Schülers auf jene auf Goldfisch-Niveau zu senken. Raman, Vorschläge, diesem Problem erfolgreich zu begegnen, sind herzlich willkommen. „Technologie ist ein fixer Bestandteil unseres Lebens und eröffnet auch zahlreiche neue Möglichkeiten. Aber – und das gilt gerade für junge Leute – sie ist auch Ablenkung. Und das nicht zu knapp. Fünf Minuten lernen, dann Facebook. Zehn Minuten lernen, dann WhatsApp. 15 Minuten lernen, dann SMS. So kann’s nicht funktionieren. Schon die Neurologie lehrt uns, dass es wichtig ist, sich voll und ganz auf eine Sache zu fokussieren, um sie ganzheitlich verstehen zu können. Deshalb bin ich für ein absolutes Smartphone-Verbot während des Unterrichts. Ich mein’, wozu gibt’s denn Pausen?“

Korrekt. Aber Teenies und ihr Telefon … ein Thema, an dem du dir nachhaltig die Zähne ausbeißt. Wie übrigens auch an der politisch gern mal dem rechten Lager zugewiesenen Forderung, Flüchtlingskindern verpflichtende Deutschkurse vorzuschreiben, BEVOR sie die schwarz-rot-güldene Schulbank drücken. Was Raman davon hält? Immerhin war er selbst einstmals Flüchtling. „Wir lernen, indem wir verstehen. Gib mir ein Buch auf Chinesisch und ich verstehe kein Wort. Was werde ich davon wohl mitnehmen? Nichts, nada, null. Bedeutet im Umkehrschluss: Natürlich müssen Flüchtlinge erst mal die Sprache lernen, bevor man auch nur im Ansatz daran denken kann, sie ins System des Gastlandes zu integrieren. Wer meint, das hätte auch nur im Entferntesten mit Rassismus zu tun, ist eindeutig am Holzweg. Womit es dagegen sehr wohl zu tun hat? Mit wissenschaftlichen Erkenntnissen über die Funktionsweise des Gehirns.“

Und das aus dem Munde eines Mannes, der als Refugee nach Europa kam, lange bevor die Beifallsklatscher wie Pilze aus dem Boden schossen. Raman, ein Mensch ohne Scheuklappen: Echt beeindruckend, was Bildung bewirkt. Wissen ist eben doch Macht. Und wer nichts weiß, der guckt „Dschungelcamp“ … oder sitzt drin …

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here

*

code