Credit: Rocksau Pictures

Pop-Quiz: Welche der folgenden Aussagen trifft auf Mark Benecke zu?

  1. A) Er ist der mit Abstand bekannteste Forensiker Deutschlands.
  2. B) Sein Körper ist mit mehr als 80 Tätowierungen übersät.
  3. C) Seit 2011 ist er Vorsitzender des Vereins „Pro Tattoo“.
  4. D) Er hat ‘ne Vorliebe für schräge Tätowierungen – von Frau Holle bis zum polnischen Gullydeckel.

Die richtige Antwort: alle vier. Er sammelt Tattoos aus aller Herren Länder, wem Körperkunst nicht passt, der soll bleiben, wo der Pfeffer wächst. Opportunismus? Nichts für „Doktor Made“ …

 Ein international anerkannter Wissenschaftler, von Kopf bis Fuß mit Bildchen zugepflastert: Wo gibt’s das denn? In Köln … und das ergibt offenbar Sinn. „Wer glaubt, dass hier irgendjemand nachdenkt, ob Tattoos gesellschaftsfähig wären oder nicht, der irrt. In Köln laufen haufenweise schräge Vögel herum. Die eine Hälfte ist verrückt, die andere schwul, lesbisch, bisexuell oder Transgender. Was anderenorts als Abweichung von der Norm wahrgenommen wird, ist hier alltagstauglich. So gesehen bin ich in Köln bestens aufgehoben.“

Credit: Berk Duguyn

Wird stimmen. Denn es war auch in Köln, als Benecke – damals, in den späten 1980ern, also in einem Land vor unserer Zeit – einem Laden namens „Elektrische Tätowierungen“, einem der ältesten Studios Deutschlands, einen Besuch abstattete, sich sein erstes Tattoo stechen ließ. Es sollten noch Dutzende folgen – und mittlerweile gleicht Beneckes Körper einer internationalen Landkarte der Tätowierkunst. Die Motiv-Bandbreite reicht vom Logo der Stadtwerke Bogotas und dem Abbild eines Warschauer Gullydeckels über eine Budapester Vampirfrau bis hin zum napoleonischen Wappen der Stadt Bremen. Und Frau Holle ist auch vertreten. Warum eigentlich gerade sie? „Ich kann keine Sonne leiden. Deswegen!“

Ihr meint, das sei schräg? Ist nichts im Vergleich zu einigen waghalsigen Tattoo-Stunts, die Benecke bereits hinlegte. Zwei repräsentative Beispiele: „Im kolumbianischen Medellin wurde ich in einem Park tätowiert, während zeitgleich bei ‘ner dicken Party die Post so richtig abging. Tja, und wo Party ist, ist Alkohol. Und so tanzten die Nadelstecher pausenlos mit Bier an – Ein-Liter-Bechern, wohlgemerkt – dachten aber nicht im Traum daran, das Tätowier-Zeug trotz steigenden Alkoholspiegels mal kurz zur Seite zu legen. Mann, das war wirklich grotesk. Wie auch der Abend, an dem ich mir am Bein ein Tattoo stechen ließ, während ich auf der Bühne live moderierte. Wie lange die Aktion dauerte? Von 21 Uhr bis drei Uhr morgens …“

Credit: Art in Black

Wer sich nix pfeift hat mehr vom Leben

Ob sich aus der vor seiner beispiellosen Forensik-Karriere (als einziger Kriminalist untersuchte er den Fall des kolumbianischen Serienmörders und Vergewaltigers Luis Alfredo Garavito Cubillos; in Kooperation mit dem Kapuzinerorden nahm er die legendären Mumien von Palermo unter die Lupe) entwickelnden Passion für Haut-Illustrationen berufliche Nachteile ergeben könnten, war Benecke – gelinde gesagt – schon immer scheißegal. „Mich hat noch nie interessiert, was andere über mich denken. Nicht einmal, als sich etwas konservativere TV-Sender anfangs redlich bemühten, an meinen Tattoos vorbeizufilmen. Gehe mit deinen Besonderheiten entspannt um, dann wird sich auch bald niemand mehr daran stoßen … das ist meine Erfahrung.“

Credit: Mark Benecke | benecke.com

Eine herrlich coole Lebenseinstellung, zur Nachahmung empfohlen. Klappt aber nicht bei jedem. „Es spaltet sich in den letzten Jahren schon stark auf in Leute, die so sind, wie sie sein wollen und deshalb in Kauf nehmen, freiberuflich zu arbeiten und jene, die dem Überanpassungsdruck der Gesellschaft nicht standhalten und sich um der sozialen Sicherheit willen somit übertrieben anpassen.“ Eine unerfreuliche und schwer verständliche Entwicklung – denn Ewiggestrige, die Tattoos noch immer in Einklang mit Knastbrüdern, Bordellbetreibern und Kriminellen bringen sind doch längst schon ausgestorben? Sind sie leider nicht. So ließ sich etwa das „Bundesinstitut für Risikobewertung“ in Deutschland dazu hinreißen, eine Empfehlung rauszuhauen, komplett auf Tätowierungen zu verzichten … selbstverständlich unter dem Deckmantel der Gesundheit. Ein Schuss ins eigene Knie – wie Benecke erklärt.

„Interessanterweise nimmt das keiner ernst – schon gar nicht die Generation unter 25. Für die hört sich das an, als würde Opa vom Ersten Weltkrieg erzählen. Das geht beim einen Ohr rein und beim anderen wieder raus.“

Heureka, das preußische Verbieten ist gescheitert! Doch angeblich existiert sie noch. Die letzte Nische, in der Tätowierungen auf Mord und Totschlag verweisen: Die Welt von Yakuzas und russischen Mafiosi. Oder ist selbst das schon Schnee von gestern? „Kann man so sagen. Bei der Yakuza stirbt das schön langsam aus, da sich die Geschäftsfelder Richtung Cyber- und Wirtschaftskriminalität verlagern. Früher galten Tattoos als Beweis, dass du dazugehörst. Heute, im digitalen Zeitalter, ist das überflüssig. In Russland kannst du das zwar auch heutzutage noch haben – dort, wo in der organisierten Kriminalität noch härtere Bandagen herrschen. Letzlich aber steckt auch hier sehr viel medial verzerrtes Märchen drin.“

Credit: Picture Alliance | Oetinger

CSI Tattoo oder Wenn der Magen nicht mehr mitspielt

Vorurteile sind die Vernunft der Narren – wusste schon Voltaire. Und so schließt sich der Kreis. Wir sind wieder in Köln, der Hauptstadt der Narren, in Beneckes Labor. Und schon drängt sich ‘ne Frage auf: Erweisen sich Tattoos eigentlich auch in der Forensik als hilfreich? „Ja, zur Identifizierung von Leichen. Kommt aber mittlerweile kaum mehr vor, da den Leuten zu gruselig. Früher wurde tätowierte Leichenhaut manchmal sogar noch veröffentlicht in der Hoffnung, Hinweise aus der Bevölkerung hinsichtlich der Identität des Toten zu erhalten. Heute sind die Menschen aber komisch. Jetzt die breite Masse mit derartig ‚Grauenvollem’ zu konfrontieren gleicht dem sprichwörtlichen Schuss ins Knie. Wie sie darauf reagiert, tust du es doch? Hysterisch und überempfindlich. Oder netter ausgedrückt: mit geradezu überzogener Sensibilität.“

Als hätten wir’s nicht gewusst: Wir leben im Zeitalter der Waschlappen. Unser Tipp: Mehr Horrorfilme gucken. Das härtet ab. Und das haben viele von uns wohl bitter nötig …

Credit: Mark Benecke | benecke.com

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here

*

code