Glaube keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast. Bitteschön: Laut Online-Portal Statista leben in Österreich exakt 827.000 Hunde (Stand Ende 2018). Anders ausgedrückt: Auf elf „Ösis“ kommt ein Hund. Die beliebtesten Rassen: Labrador Retriever, Deutscher Schäferhund (hey, „Kommissar Rex“ wirkt noch immer), Chihuahua (aha, Bronze für den Handtaschen-Hund), Französische Bulldogge und Jack Russell Terrier. Grandios … denn wie sagte schon Voltaire: „Von allen Tieren ist der Hund der Treueste. Er ist der beste Freund, den der Mensch haben kann.“ Die Kehrseite der Medaille: Laut einer nicht mehr ganz taufrischen, aber nach wie vor repräsentativen Umfrage der Aachen Münchener Versicherung steht bei 52 Prozent der Bundesbürger der Angstschweiß auf der Stirn, wenn sie das Wort „Hund“ nur hören. Dabei ist es sogar unerheblich, ob es sich um eine Dogge oder einen Pinscher handelt! Wovon wir wiederum ein Lied singen können: Wir zählen Felix zum Familienkreis, ‘nen knuddeligen, verspielten Boxerrüden. Für uns der Inbegriff von Gutmütigkeit, für andere ein Monster. Scheint also, als sei das Land nicht nur politisch gespalten: Hundeliebhaber stehen Hundehassern gegenüber, dazwischen ist Ödland. Klingt nach suboptimalen Voraussetzungen fürs friedliche Miteinander. Gibt’s denn keinen, der vermitteln kann? Doch: Cesar Millan, die globale Autorität in Sachen Hundeflüsterei …

Egal ob Fake oder Real News, kaum schnappt Bello zu, beißt sich die Medien-Meute am Thema fest. Was wir dann zu lesen kriegen? Horrorstorys von Killerhunden und blutrünstigen Bestien, die gnadenlos zuschlagen, wann immer auch der Fangzahn juckt. Vollkommen aus der Luft gegriffen? Laut „Beißstatistik“ des „Deutschen Ärzteblatts“ (eine flächendeckende Beißstatistik für Österreich ist nach wie vor Fehlanzeige) ist deutschlandweit pro Jahr von 30.000 bis 50.000 Bissverletzungen auszugehen – und Rüden beißen öfter als Hundedamen. Felix, du hast ein Image-Problem. Doch halt, was lesen wir da im Kleingedruckten? „Zu den meisten Bisswunden kommt es aber nicht, weil die Hunde besonders aggressiv wären. Meist mangelt es den Opfern einfach an Wissen über Hunde und wie sie sich in deren Anwesenheit verhalten sollen.“ Tja, und dazu gesellt sich noch die gute, alte Binsenweisheit, dass sich das Problem auffallend oft am anderen Ende der Leine finden lässt. Seltsam: Die Freundschaft zwischen Mensch und Hund startete bereits in grauer Vorzeit (der Fund eines Hundeschädels in Sibirien, der auf ein Alter von 33.000 Jahren datiert ist, belegt Bello als dienstältestes Haustier des Menschen) und jetzt, im 21. Jahrhundert, versagt der Mensch plötzlich in seiner Rolle als Alpha-Tier. Und wonach giert der zivilisationsgeschädigte Durchschnittsdepp, wenn er nicht mehr weiter weiß? Nach einem Ratgeber. Einem Selbsthilfebuch. Oder einem Experten, dessen Urteil er vertrauen kann.

Einem Experten wie Cesar Millan, dessen TV-Show „Der Hundeflüsterer“ weltweit für Furore sorgte, unzählige Nachahmer fand und Cesar, der 1990 mehr oder minder mittellos von Mexiko nach Kalifornien „türmte“, selbst in die Riege top situierter Celebrities emporhievte. Ein Wort an Trump: Schau, Donald, aus Mexiko kommt auch Gutes! Eine Karriere, die Millan auch heute noch als „eigentlich unfassbar“ bezeichnet. „Ich sprach kaum Englisch und wäre schon glücklich gewesen, Hunde für zehn Dollar die Stunde im Park trainieren zu dürfen. Hätte mir damals irgendjemand prophezeit, dass ich einige Jahre später in meiner eigenen TV-Show auftrete, in Filmen mitspiele und auf Tour die ganze Welt bereise … mein Gott, ich hätte ihn für verrückt erklärt. Nicht, dass ich dieser Vorstellung nichts abgewinnen hätte können. Aber wer glaubt schon dran, wenn er sich von Tankstellen-Hot Dogs ernährt und im Hinterzimmer eines Hundesalons schläft.“ Und doch wurde sie Realität. Jetzt ist Cesar DER Fixstern am Hundetrainer-Himmel, machte mit seinem aktuellen Programm „Once Upon A Dog“auch schon in Deutschland Station – und mit „mittellos“ hat er ebenfalls nix mehr am Hut.

Wer all das ermöglichte? Sein besonderer Draht zu Hunden. Haben wir den auch? Falls ja, wie macht er sich bemerkbar? „Das kann ich beim besten Willen nicht beantworten. Mir war nicht mal bewusst, dass ich über diese Fähigkeit verfüge, bis ich nach Amerika kam und dort begann, mit Hunden zu arbeiten. Schließlich wuchs ich mit Lassie und Rin Tin Tin im mexikanischen Fernsehen auf und dachte daher, alle Hunde in den Staaten wären extrem gut erzogen und verstünden perfekt Englisch. Mann, wie falsch kann man nur liegen?“ Passiert den Besten. Das Problem: Leider sind’s vielfach nicht mal die Zweitbesten, die sich mit Hunden als Lebensabschnittspartner umgeben – und deren Lernkurven-Flatline sorgt wiederum für aufbrechende Gräben zwischen Tierhaltern und –abstinenzlern.

Wo sich nun die größte Baustelle im, häufig gutgemeinten, Fehlverhalten des gemeinen Hundehalters erschnüffeln lässt? „Im Irrglauben, der Hund denke und handle wie ein Mensch, sei für Erklärungen und wohlmeinende Ratschläge empfänglich. Zu versuchen, einem Tier das ‚Warum’ weiszumachen, führt zu nix. Ein Hund reagiert instinktiv – und nur wenn du ihn genau da packst, wird es gelingen, sein Verhalten erfolgreich zu beeinflussen. Was uns direkt zum zweiten großen Fehler führt: Dem Überschütten des Hundes mit nichts als Zuneigung und Liebe. Positive Emotionen bestärken das Tier in seinem Verhalten – und kommst du mit positiven Emotionen zum falschen Zeitpunkt um die Ecke, bestärkst du das Tier im Fehlverhalten. Beispiel: Wie handeln die meisten Besitzer eines kleinen Hundes, wenn er Angst zeigt? Sie heben ihn hoch und spenden ihm Trost. Für den Hund allerdings das klare Signal, dass Herrchen und Frauchen seine Angst gutheißen, sie sogar fördern. Richtig dagegen wäre, das Tier abzulenken, ruhig und gelassen zu bleiben, um ihm so zu vermitteln, dass es nichts gibt, wovor sich Angst zu haben lohnt.“

Veranlasst uns zu folgender These: Augen auf beim Hundekauf! Doch wie finde ich heraus, welche Rasse zu mir passt? „Fixiere dich nicht auf eine spezielle Hunderasse, sondern basiere deine Entscheidung auf Energie und Kraft des Tieres – das ist die Faustregel. Bist du sportlich und aktiv, wähle einen Begleiter, der seinerseits nach Bewegung und Auslauf lechzt. Frönst du dagegen einem eher bequemen Lifestyle, wirst du mit einem hochenergetischen Hund garantiert nicht glücklich … und er ebenso wenig mit dir. Heißt also, das Tier muss zu dir passen. Ebenfalls wichtig: Wie groß ist deine Wohnung und wie viel Zeit bist du bereit, in den Hund zu investieren? Das Tier muss täglich mehrmals raus – und damit meine ich nicht nur in den Garten. Es ist schlicht und einfach falsch zu glauben, ein Garten würde genügen – doch trotzdem höre ich diese Ausrede immer und immer wieder. Der Tag hat 24 Stunden – und wenn ich einen Hund WIRKLICH WILL, dann finde ich auch Zeit, mit ihm spazieren zu gehen.“

Nur so nebenbei: Wir sind mit Felix etliche Male täglich unterwegs … der Kandidat hat 100 Punkte! Und Hunde, die ein Leben lang hinter Gartenmauern versauern, kennen wir ebenfalls zur Genüge. Ist es somit richtig zu behaupten, dass nicht jeder, der einen Hund besitzt, dafür auch geschaffen ist? „Absolut. Wer nicht gewillt ist, die zahlreichen Verpflichtungen, die mit der Anschaffung eines Hundes einhergehen, bereitwillig in Kauf zu nehmen, sollte besser die Finger davon lassen. Sich spontan für ein Tier zu entscheiden, ohne sich im Klaren darüber zu sein, was das bedeutet, endet gern mal im Chaos oder zieht einen Leidensweg nach sich, der oft in erster Linie den Hund betrifft. Frage dich deshalb im Vorhinein, ob du aus dem richtigen Holz geschnitzt bist, um dein Leben mit einem Hund zu teilen. Nur falls du mit Ja antwortest, wird es für Mensch und Tier eine großartige Zeit.“

Und trotzdem laufen ausreichend Leute rum, die besagte Frage zwar mit Ja beantworteten, dem Hechler am anderen Ende der Leine aber dennoch nicht Herr werden. Woran hakt’s? „Nicht jeder ist von Natur aus ein guter Rudelführer – doch das kann man lernen. Der beste Indikator, ob der Mensch als Chef Akzeptanz findet, ist der Hund selbst. Das Tier spürt Schwäche und Unsicherheit, versteht es prächtig, die Körpersprache zu lesen. Genau das wird oft unterschätzt – und so gewinnen Hunde häufig die Oberhand. Wer allerdings seine Hausaufgaben macht und sich aneignet, Stärke und Willenskraft auszustrahlen, schafft es, das Ruder innerhalb kürzester Zeit herumzureißen. Von anfänglicher Hilflosigkeit zum Alpha-Tier ist keine Hexerei. Man muss es nur konsequent durchziehen.“

Muss wohl stimmen. Nicht umsonst gilt Cesar als DER Hundeflüsterer, der’s hinkriegt, jeden Vierbeiner in die Schranken zu weisen. Jeden? „Vor Jahren wurde ich mit einem Fall konfrontiert, den ich nach reiflicher Überlegung lieber sein ließ. Dieser Hund hatte sich bereits entschieden, mich zu töten und war primär damit beschäftigt, seine Angriffstaktik auszuarbeiten. Eine unschöne Erinnerung. Doch glücklicherweise machen sich solche Situationen extrem rar.“

Und wie geht er mit Kritik von menschlicher Seite um? Vorwürfe, seine Methoden seien brutal und tierfeindlich gibt’s schließlich zuhauf. „Das ist der Preis, den du bezahlen musst, wenn du mit deiner Leidenschaft an die Öffentlichkeit trittst. Natürlich bin auch ich nicht perfekt … niemand ist das. Doch der überwiegende Teil der Kritik basiert auf Hörensagen und kurzen, aus dem Kontext gerissenen Videoclips, nicht auf Wissen und Fakten. Einige, die meine Techniken an den Pranger stellen, sind passionierte, doch leider schlecht informierte Tierschützer, anderen wiederum scheint es Spaß zu machen, meine Arbeit absichtlich zu diskreditieren. Sollen sie, ich halte das aus. Mein Job ist mir einfach zu wichtig, um mich durch Störfeuer von meinem Weg abbringen zu lassen. Herrenlose Hunde von der Straße zu kriegen und sie für den Polizeidienst zu trainieren oder – wie unlängst gelungen – 11.000 Hunden und Katzen ein neues Zuhause zu vermitteln sind für mein Dafürhalten Ziele, für die sich das Einstecken von Kritik mehr als lohnt.“

Vollste Zustimmung. Wo sollen wir unterschreiben? Doch bevor wir endgültig zu Cesar Millan-Fanboys verkommen, sei nochmals der eingangs erwähnten Beißopfer gedacht. Manch einer ist zwar wirklich ein Hasenfuß, doch alle, die vor Hunden Reißaus nehmen, über einen Kamm zu scheren, wäre wohl auch der falsche Weg. „Natürlich. Sicher wäre es wundervoll, in einer Welt zu leben, in der jeder Tiere liebt, aber das ist pure Illusion. Menschen, die traumatische Erinnerungen mit Hunden verbinden oder Haustiere generell als schmutzig empfinden haben selbstverständlich das Recht, ernst genommen zu werden. Sogar einige meiner Mitarbeiter hatten anfangs dermaßen Angst vor Hunden, dass sie vor Furcht regelrecht erstarrten. Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen! Und deshalb steht jeder Hundehalter in der Pflicht, für ein angenehmes Miteinander zu sorgen, indem er lernt, sein Tier zu kontrollieren und die Führungsrolle zu übernehmen. Menschen, die Hunden bewusst aus dem Weg gehen, das Tier regelrecht aufzuzwingen, um den Beweis zu erbringen, dass er doch ‚eh nur spielen will’, ist Schwachsinn. Zu zeigen, dass Hunde – falls gut erzogen und vom richtigen Ende der Leine geführt – sehr wohl des Menschen beste Freunde sind – DAS ist der richtige Weg.“

„Die Erfahrung ist die Lehrmeisterin in allem.“ Sagte Gaius Julius Cäsar, zumindest phonetisch Cesars Namensvetter. Sammeln wir also Erfahrung im Umgang mit Hunden: Nimmt den Wind aus den Segeln und für alle wird’s leichter. Jetzt muss aber Schluss sein – Felix muss raus. Bevor noch ein Unglück passiert. Was ist das für eine Pfütze? Ach, Felix …

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